Die Sprache der psychologischen Beratung — wie wählen?

Die beste Sprache ist nicht immer die, die Sie bei der Arbeit am häufigsten verwenden. Entscheidend ist, in welcher Sprache Sie frei über Ihre Gefühle sprechen und sich präzise ausdrücken können.

Alltagssprache und die Sprache der Gefühle

Wer im Ausland lebt, erledigt vieles mühelos auf Deutsch oder Englisch und kehrt trotzdem zur Muttersprache zurück, wenn es um Erinnerungen, familiäre Beziehungen und starke Gefühle geht. Es ist normal, dass verschiedene Lebensbereiche verschiedene Sprachen haben.

Überlegen Sie, in welcher Sprache es Ihnen leichter fällt, feine Unterschiede zu beschreiben — etwa zwischen Wut und Gereiztheit, Traurigkeit und Enttäuschung, Angst und Anspannung. Es geht nicht um perfekte Grammatik, sondern um den geringeren Aufwand, die passenden Worte zu finden.

Dieser Aufwand zählt. Wenn ein Teil der Aufmerksamkeit mit der Wortsuche beschäftigt ist, bleibt weniger für das Erleben und Verstehen dessen, worüber Sie sprechen.

Was die Forschung dazu sagt

Die Psycholinguistik beschreibt seit Langem den sogenannten Fremdsprachen-Effekt: In einer später erlernten Sprache reagieren wir meist etwas weniger emotional und nüchterner als in der Muttersprache. Derselbe Mechanismus wird im Kontext der Psychotherapie als Distanzierungseffekt beschrieben.

Für die einen ist das ein Vorteil — über Schweres lässt sich leichter sprechen, wenn die Worte nicht so hart treffen. Für andere ist es ein Hindernis, weil genau diese Distanz den Zugang zu den Gefühlen erschwert, um die es eigentlich geht.

Die Befunde sind allerdings nicht eindeutig; vieles hängt davon ab, wann und unter welchen Umständen Sie die zweite Sprache gelernt haben und wie oft Sie sie nutzen. Statt nach einer Regel zu suchen, prüfen Sie lieber, wie es bei Ihnen wirkt.

Wann die zweite Sprache hilft

Eine zweite Sprache kann hilfreiche Distanz und Ordnung schaffen. Sie kann auch Worte für Erfahrungen bereitstellen, die mit der jetzigen Arbeit, der Partnerschaft oder dem Wohnland zu tun haben — manchmal sind diese Begriffe erst dort entstanden, wo Sie heute leben.

Distanz ist an sich weder gut noch schlecht — achten Sie darauf, ob sie das Gespräch unterstützt oder den Kontakt zum Wesentlichen erschwert.

Sie können in einer Sprache beginnen und bei einem bestimmten Thema um einen Wechsel bitten. Klären Sie vor der Buchung, ob die Fachperson in allen für Sie nötigen Sprachen ausreichend sicher arbeitet.

Wann die Muttersprache die bessere Wahl ist

Wenn es um Kindheit, die Beziehung zu den Eltern, Trauer oder Erfahrungen vor der Auswanderung geht, eröffnet die Muttersprache meist einen volleren Zugang zu Erinnerungen und Gefühlen aus jener Zeit. Manchmal kehrt erst nach dem Wechsel ein Detail zurück, das vorher nicht abrufbar war.

Die Muttersprache ist oft auch die einfachere Wahl in Phasen großer Überlastung. Wenn Sie erschöpft sind, kostet das Sprechen in einer Fremdsprache zusätzliche Energie — und dann zählt jede eingesparte Kraft.

Ein praktischer Test

Erzählen Sie laut, in jeder infrage kommenden Sprache, was Sie zur Beratung bewegt. Achten Sie auf Tempo, Anspannung und Stellen, an denen Ihnen Worte fehlen. Sie können auch einige Sätze aufschreiben und prüfen, welche Fassung am meisten „nach Ihnen” klingt.

Achten Sie auch auf den Körper: In welcher Sprache ist der Atem ruhiger und sind die Schultern weniger angespannt? Das ist oft ein deutlicherer Hinweis als der Inhalt der Sätze.

Die Wahl ist nicht unwiderruflich. Nach dem ersten Gespräch lässt sich beurteilen, ob die Sprache Präzision und Sicherheit erleichtert hat. Die Möglichkeit zu wechseln ist oft wichtiger als eine endgültige Antwort.

Sprachen zu mischen ist kein Fehler

Sie müssen nicht die ganze Sitzung bei einer Sprache bleiben. Mehrsprachige Menschen wechseln ganz natürlich — sie werfen ein Wort ein, für das es keine gute Entsprechung gibt, oder zitieren eine Aussage im Original.

Im psychologischen Gespräch ist das kein Problem, sondern eine Information. Dass ein Satz gerade auf Polnisch oder gerade auf Deutsch herauswill, sagt für sich schon etwas — und das lohnt sich anzuschauen, statt es zu korrigieren.

Technische und ethische Rahmenbedingungen

Soll eine dritte Person dolmetschen, erfordert das zusätzliche Absprachen zu Vertraulichkeit und Rolle der dolmetschenden Person. Sie sollte nicht ohne vorherige Abstimmung zum Termin hinzugezogen werden.

Besonders zurückhaltend bin ich beim Dolmetschen durch Angehörige — Partner, erwachsene Kinder oder Freundinnen. Ihre Anwesenheit verändert, was gesagt werden kann, und belastet häufig auch sie selbst.

Wenn dennoch sprachliche Unterstützung nötig ist, klären wir das vor dem ersten Termin, um Vertraulichkeit und klare Rollen zu sichern.

Wie ich damit arbeite

Ich berate auf Polnisch, Deutsch und Englisch. Sie müssen sich nicht ein für alle Mal festlegen — wir können in einer Sprache beginnen und bei einem bestimmten Thema wechseln, wenn Sie merken, dass Sie sich so näher sind.

Wenn Sie unsicher sind, schreiben Sie mir einfach in der Sprache, in der Ihnen das Schreiben am leichtesten fällt. Das ist bereits ein erster Hinweis.

M.Sc. Marta Adamczyk-GirčysPsychologin · Ganzheitliche Psychologie

Quellen und weiterführende Informationen

Marta Adamczyk-Girčys

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