ADHS bei Erwachsenen — wie fange ich an?

ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) ist nicht nur ein Thema von Kindern. Bei vielen besteht es im Erwachsenenalter fort — es verändert nur seine Form. Statt sichtbarer Hyperaktivität rücken Schwierigkeiten mit den sogenannten exekutiven Funktionen in den Vordergrund, die leicht mit Charaktereigenschaften verwechselt werden.

Wie es sich bei Erwachsenen zeigen kann

Exekutive Funktionen sind Prozesse für Planung, Organisation, Arbeitsgedächtnis, Impulskontrolle und Aufmerksamkeitssteuerung. Ihre Schwächung kann sich zeigen als: Schwierigkeiten mit Konzentration und dem Abschließen von Aufgaben, Prokrastination, Probleme mit dem Zeitmanagement, Impulsivität, Gedankenrasen sowie emotionale Dysregulation — starke, schnelle Stimmungsschwankungen. Häufig ist auch eine hohe Empfindlichkeit gegenüber Ablehnung und Kritik, beschrieben als RSD (rejection sensitive dysphoria).

Warum es oft unerkannt bleibt

Viele wissen jahrelang nicht, dass ihre Schwierigkeiten einen gemeinsamen Nenner haben. Sie lernen, sie zu kompensieren, und halten sich für faul oder unorganisiert. Tatsächlich arbeitet ihr Gehirn einfach anders und braucht passende Strategien, nicht mehr Willenskraft. Zudem tritt ADHS oft gemeinsam mit Angst oder gedrückter Stimmung auf (Komorbidität), was das Bild zusätzlich verwischt. Darüber hinaus wird ADHS häufig als andere Störung fehldiagnostiziert — am häufigsten als Depression, Angststörung, bipolare Störung (ChAD) oder Persönlichkeitsstörung (z. B. vom Borderline-Typ). Weil sich die Symptome ähneln — Stimmungsschwankungen, Impulsivität, Konzentrationsprobleme und instabile Emotionen —, wird die richtige Diagnose oft erst nach Jahren gestellt.

Neurobiologische Perspektive

Im vorherrschenden wissenschaftlichen Verständnis ist ADHS eine neurologische Entwicklungsstörung mit starker biologischer und erblicher Grundlage — Zwillingsstudien weisen auf eine hohe Erblichkeit hin. Sie steht mit Unterschieden in den Aufmerksamkeits- und Exekutivnetzwerken (u. a. des präfrontalen Kortex) sowie in der Dopamin- und Noradrenalin-Übertragung in Verbindung und mit einer etwas verzögerten Reifung bestimmter Hirnregionen. Auch deshalb kann eine passend gewählte medikamentöse Behandlung, die auf diese Systeme wirkt, wirksam sein. In dieser Sicht ist ADHS kein Charakterfehler und keine Frage von Faulheit — es ist eine andere Arbeitsweise des Gehirns.

Entwicklungsperspektive (Gabor Maté)

Ergänzend lohnt ein weiterer Blick, den der Arzt Gabor Maté in seinem Buch Scattered Minds vorschlägt. Für ihn ist ADHS nicht allein eine Frage der Gene, sondern das Ergebnis des Zusammenspiels eines empfindsamen Temperaments mit der frühen Umgebung — vor allem mit dem Ausmaß an Stress und der Qualität früher Bindungen. Maté betont, dass sich das kindliche Gehirn in Beziehung entwickelt und seine Schaltkreise durch das emotionale Umfeld geprägt werden (Neuroplastizität). In dieser Sichtweise sind Symptome oft eine frühe Art, mit Überforderung umzugehen — ein Sich-Abschirmen vor der Reizfülle. Der Autor betont Mitgefühl statt Schuldzuweisung und dass günstige Bedingungen in jedem Alter Veränderung fördern.

Das ist eine von mehreren Sichtweisen; sie ergänzt das vorherrschende Modell, das die neurobiologische und erbliche Grundlage stark betont, und weicht davon teils ab. Verstehen Sie sie daher als anregende Perspektive, nicht als alleinige Wahrheit; eine echte Diagnose und einen Unterstützungsplan klären Sie am besten mit einer Fachperson.

Wie man anfängt — der Weg zur Diagnose

Mit Beobachtung und einem Gespräch. Es lohnt sich hinzuschauen, in welchen Situationen die Schwierigkeiten am größten sind. Der nächste Schritt ist die Abklärung bei einer Fachperson: Die vollständige Diagnose stellt eine qualifizierte Ärztin oder Psychologin, meist auf Basis eines strukturierten Interviews, von Fragebögen und der Klassifikationskriterien (DSM-5, ICD-11), einschließlich der Entwicklungsgeschichte. Für viele ist eine Diagnose eine Erleichterung.

Formen der Unterstützung

Hilfe ist oft mehrgleisig. Psychologisch kommen Psychoedukation, Fertigkeitentraining und kompensatorische Strategien (Planung, Aufgaben in kleinere Schritte teilen, Erinnerungen, Umfeldgestaltung), Arbeit an der Emotionsregulation und Elemente der kognitiven Verhaltenstherapie infrage. Auch Coaching und Unterstützung im Alltag können helfen. Bei vielen Menschen bringt die Kombination aus einer Veränderung des Lebensstils, psychologischer Unterstützung und angepasster Ernährung bereits zufriedenstellende Ergebnisse. Eine medikamentöse Behandlung sollte — wegen möglicher Nebenwirkungen — eher das letzte Mittel sein, wenn andere Formen der Unterstützung nicht ausreichen; die Entscheidung trifft immer eine Ärztin oder ein Arzt und wägt Nutzen und Risiken ab, während die psychologische Begleitung parallel erfolgen kann. Zentral ist die Selbstakzeptanz.

Dies ist ein Informationstext, keine Diagnose. Wenn Sie ADHS bei sich vermuten, wenden Sie sich an eine Fachperson. In einer Krise suchen Sie bitte umgehend Unterstützung — Sie müssen das nicht allein bewältigen.

M.Sc. Marta Adamczyk-GirčysPsychologin · Ganzheitliche Psychologie

Quellen und weiterführende Informationen

Marta Adamczyk-Girčys

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